Weniger Nervkram

Deutschland ist eine Top-Industrienation in der Welt. Wenn wir diesen Spitzenplatz halten wollen, geht es nur mit Digitalisierung. In Estland kann man lernen, wie's geht. Es lohnt sich anzuschauen, wie Estland den Datenschutz organisiert. Ein staatlicher Rechtsrahmen, das kennen wir auch. Aber: Ich als Bürger kann in Estland meine Daten selbst kontrollieren und schützen: Ich kann mich abends zu Hause mit meiner digitalen Chipkarte hinsetzen und in sehr kurzer Zeit feststellen, ob zum Beispiel die Polizei Tallinn gestern auf meinen Datensatz zugegriffen hat. Wenn ich mir das erklären kann, ist es in Ordnung. Wenn ich mich wundere, wer auf meine Daten zugreift, habe ich das Recht auf eine sehr schnelle Auskunft. Wenn das alles in Ordnung ist - gut. Wenn nicht - drastische Strafen, die abschrecken. Diese Mischung aus Schutz durch Staat und Bürger funktioniert sehr gut. Ein anderes Beispiel ist der Autokauf vom Sofa aus: Von der Bestellung mit digital autorisierter Unterschrift bis zum Losfahren mit angeschraubtem Nummernschild verlasse ich meine Wohnung nicht. Und schon gar nicht, um mir das Nummernschild zu besorgen. Alles digital. Die deutsche Lieblingssportart - Warten auf der Kfz-Zulassungsstelle - in Estland unbekannt. Wie ist es dazu gekommen? Der politische Ansatz in Estland war top-down: Bereits 2000 hatte die Regierung landesweit flächendeckend Internet und das E-Gouvernment-System aufgebaut. Und alle Schulen ans Netz gebracht. Mit internetgestütztem Mathe-Unterricht. Seither haben die Bürger im Alltag gemerkt: Es funktioniert; es macht das Leben einfacher, schneller, billiger. Kaum noch Behördengänge, weniger Nervkram. Wenn wir in Deutschland nur einen Teil von dem umsetzen können, was in Estland täglich funktioniert, hätten wir Deutschland erheblich vorangebracht. Das gilt auch für die Industrie 4.0: Wenn sich der digitale Vorreiter Estland und der Industrieriese Deutschland enger zusammentäten, haben wir enorme Chancen. Es liegt an uns, diese Chancen zu ergreifen.