Geschichte der deutschen diplomatischen Vertretung in Tallinn

Am 19. November 1918 sprach der "Generalbevollmächtigte des Deutschen Reiches für die Baltischen Lande", der Sozialdemokrat August Winnig (1878-1956), die de facto-Anerkennung der estnischen Regierung unter Konstantin Päts aus. Bereits am 24. November erging ein Telegramm der "Deutschen Volksregierung" an die estnische Regierung, dass "sie den bisherigen Reichskommissar Winnig unter Belassung in seinen bisherigen Funktionen zu ihrem Gesandten in außerordentlicher Mission bei der lettischen bzw. estnischen Regierung ernannt" habe. Winnig hatte seinen Sitz noch kurze Zeit in Riga, ab Januar 1919 dann in Königsberg und behielt als deutscher Reichskommissar für Ost- und Westpreußen den Titel "Der deutsche Gesandte bei der lettischen und estnischen Regierung" bis zum Sommer 1919. Am 13. August 1919 wurde dann Ago Freiherr von Maltzan zum "Bevollmächtigten des Auswärtigen Amtes für Estland und Lettland" mit dem Amtssitz in Königsberg ernannt.

Während der Amtszeit Winnigs und Maltzans fungierte vom 11. Dezember 1918 bis zum November 1919 als "Beauftrager des deutschen Gesandten bei der estnischen Regierung" mit Dienstsitz in Tallinn (Reval) Hauptmann Max Vogl, der vorher bei der Militärverwaltung im Baltikum tätig gewesen war. Mit Fritz Henkel kam als Nachfolger von Vogl ein Vertreter des Auswärtigen Amts nach Reval. Am 25. Dezember 1919 wurde er zum Leiter der gesandtschaftlichen Geschäfte mit der Amtsbezeichnung "Vizekonsul" ernannt. Er firmierte als "Der deutsche Geschäftsträger für Estland". Am 9. Juli 1921 übergab er nach der de jure-Anerkennung Estlands durch Deutschland seine Dienstgeschäfte an seinen Nachfolger Werner Otto von Hentig. Dieser traf am 13. Juni 1921 in Reval ein und übergab am 9. Juli sein Beglaubigungsschreiben. Seine Frau Natalie von Kügelgen, die aus einer deutschbaltischen Adelsfamilie stammte, lernte er während seiner Zeit in Reval kennen.

Die diplomatische Vertretung des Deutschen Reiches in Reval wurde 1923 in eine Gesandtschaft umgewandelt. Bruno Wedding wurde am 11. Juni 1923 zum Leiter der diplomatischen Vertretung mit der Amtsbezeichnung außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister ernannt. Er überreichte am 14. Juli 1924 sein Beglaubigungsschreiben. Neben dem Gesandten gab es zu dieser Zeit nur noch einen weiteren Beamten des höheren Dienstes, einen Kanzler als einzigen Beamten des gehobenen Dienstes und eine Handvoll weiterer Mitarbeiter: Schreiber, Registrator, Boten, Pförtner und Hausmeister.

Weddings Nachfolger Hans Ludwig Moraht war nur kurz in Reval. Sein Nachfolger war von 1925 bis 1928 Wolfgang Frank. Am 19. Juli 1928 überreichte dann Erich Schroetter sein Beglaubigungsschreiben. Die estnische Zeitung "Waba maa" berichtete damals sehr wohlwollend von einem der traditionellen gesellschaftlichen Empfänge. Die Gesandtschaft wird als sehr gastfreundlich gerühmt, in der stets eine so ungezwungene Atmosphäre herrsche, dass "man in der allerbesten Stimmung" scheide.

Otto Reinebek wurde am 27. Juli 1932 zum Gesandten in Reval berufen. Der letzte deutsche Gesandte, Hans Frohwein, traf am 4. März 1936 in Reval ein und übergab am 9. März 1936 sein Beglaubigungsschreiben. Er blieb bis zur Schließung der Gesandtschaft im August 1940.

Die deutsche diplomatische Vertretung in Reval war für die gesamte Zeit ihres Bestehens in demselben Gebäude in der Königstalerstraße (Toom-Kuninga) 11 untergebracht. Das "feste Steingebäude", das 1890 erbaut worden worden war, diente sowohl als Kanzlei (Bürogebäude) als auch als Wohnung des Gesandten (Residenz) und lag in Nachbarschaft zur Französischen Gesandtschaft in einem stillen und ruhigen Stadtteil, wo der idyllische Frieden der Parks und die hochumzäunten Gärten selten vom Straßenlärm gestört wurde.

Der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 bereitete dem souveränen Estland ein gewaltsames Ende und führte zur Schließung der Gesandtschaft in Reval. Das Gesandtschaftsgebäude, so eine Augenzeugin, war bereits im Sommer 1942 nur noch eine ausgebrannte Ruine.

Nachdem die Republik Estland am 20. August 1991 ihre volle Unabhängigkeit wiedergewonnen hatte, beschloss die Bundesregierung anlässlich des Besuches der Außenminister von Estland, Lettland und Litauen in Bonn am 28. August 1991, die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und den baltischen Staaten wieder aufzunehmen. Am 2. September 1991 überreichte der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Henning von Wistinghausen, sein Beglaubigungsschreiben in Tallinn. Seit diesem Tag residiert wieder ein diplomatischer Vertreter Deutschlands in Estland. Seine Nachfolger Bernd Mützelburg (1995-1999), Dr. Gerhard Enver Schrömbgens (1999-2002), Jürgen Dröge (2002-2005), Julius Bobinger (2005-2009), Dr. Martin Hanz (2009-2011) und Christian Matthias Schlaga (2011-2015) haben die deutsch-estnischen Beziehungen weiter vertieft. Seit September 2015 ist Christoph Eichhorn Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Estland.

Das Grundstück, auf dem einst die Gesandtschaft des Deutschen Reiches in Reval stand, wurde durch Anordnung der estnischen Regierung vom 1. Juli 1993 der Bundesrepublik Deutschland als Eigentum übergeben.

(nach: Ludwig Biewer, "Die Gesandtschaft des Deutschen Reiches in Reval von 1918 bis 1940", in: Reval. Handel und Wandel vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Norbert Angermann und Wilhelm Lenz, Lüneburg: Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk 1997 (= Schriften der baltischen historischen Kommission, Band 8), S. 381-395)

Geschichte der deutschen diplomatischen Vertretung in Tallinn

Die Kanzlei der deutschen Botschaft

"Im freien Estland" nun auch auf Estnisch

Im Jahre 2004 erschienen in Deutschland die Erinnerungen des ersten deutschen Botschafters, Henning von Wistinghausen, an seine 1991–1995 in Estland verbrachte Zeit. Dieses umfangreiche Werk wurde nun in die estnische Sprache übersetzt und erlebte am 16. April 2008 in der Residenz des Botschafters seine Präsentation.