Präsentation der estnischsprachigen Ausgabe der Erinnerungen des ersten deutschen Botschafters in Estland Henning von Wistinghausen

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Es folgt ein Auszug aus dem Vorwort:

Während der Jahre, über die hier berichtet wird, sind in Estland durch eine konsequente Innen-, Wirtschafts- und Außenpolitik die Grundlagen für einen modernen demokratischen Rechtsstaat mit marktwirtschaftlicher Ordnung und seine Wiedereingliederung in die internationale Staatengemeinschaft geschaffen worden. Diese gelungene Transformation einer ehemaligen Sowjetrepublik erfolgte trotz substantieller westlicher Unterstützung angesichts beschränkter eigener Ressourcen, einer großen und nur längerfristig zu integrierenden russischen Minderheit sowie schwieriger Beziehungen zum großen Nachbarn im Osten, der seine letzten in Estland stationierten Truppen erst am 31. August 1994 abgezogen hat, unter alles andere als leichten Bedingungen und verursachte hohe soziale Kosten. Als ihr Ergebnis ist Estland nunmehr in die Europäische Union und in die NATO aufgenommen worden.

In den Jahren, die Gegenstand dieser Erinnerungen sind, konnten auch alte deutsch-estnische Beziehungen wiederbelebt werden. Die Baltikumpolitik der Bundesregierung ist sich dabei stets der historischen Verpflichtung bewußt gewesen, die aus der deutschen Mitverantwortung für die sowjetische Annexion der baltischen Staaten aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 resultiert. Sie hat versucht, ihr international als „Anwalt der Balten“ gerecht zu werden und seit 1991 konsequent dazu beigetragen, Estland wie auch Lettland und Litauen den Weg in die Europäische Union zu ebnen. In diesen Jahren ist zugleich an das tief in die Geschichte Estlands verankerte gemeinsame kulturelle Erbe angeknüpft worden, nachdem die Erinnerung daran in der Sowjetzeit bewußt verdrängt worden war. Als Angehöriger einer deutschen Familie, die jahrhundertelang mit dem Schicksal Estlands verbunden war, habe ich diesen Aspekt der deutsch-estnischen Beziehungen besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Mein Anliegen war, die Ereignisse möglichst genau so zu schildern, wie ich sie zu dem Zeitpunkt wahrgenommen habe, als sie sich zutrugen. Dabei konnte ich mich auf fortlaufende Tagebuchaufzeichnungen stützen. Dem Rat eines erfahrenen Mannes* folgend habe ich mit der Niederschrift sogleich nach meinem Weggang aus Estland begonnen, als auch die Erinnerung noch frisch war. Auf diese Weise entstand dieser Bericht im Laufe einer ganzen Reihe von Jahren und jeweils in ungefähr gleichem zeitlichem Abstand zu den dargestellten Ereignissen, ohne daß daran später wesentliches geändert worden wäre. Grundsätzlich berichte ich auch nur über das, was ich selbst erlebt und beobachtet habe. Da es sich um keine wissenschaftliche Arbeit, sondern – wenn auch größtmöglicher Präzision verpflichtet – subjektive Erinnerungen handelt, ist hier auch nicht der Ort zu quellenkritischer Auseinandersetzung mit inzwischen vorliegenden anderen Darstellungen dieser Zeit. Daher beschränken sich die wenigen Anmerkungen auf das Notwendigste.

*Anmerkung der Webseite-Redaktion: Dieser Mann war der bekannte estnische Schriftsteller Jaan Kross (19.02.1920 - 27.12.2007).