Legenden des deutsche Sports

Bild vergrößern Franz Beckenbauer mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (Fußball-WM 2006 in Deutschland) (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Die Größten, die Besten. Die Ikonen des Sports. Wer sind die großen lebenden Stars in Deutschland? 10 Sportlerinnen und Sportler, die Geschichte geschrieben haben, sie sind die Legenden. Die Größten, die Besten. Die Ikonen des deutschen Sports. Ihre Biografien bieten den Stoff, aus dem die Träume sind. Wer sind die großen lebenden Stars in Deutschland? Zehn von ihnen stellen wir vor, Sportlerinnen und Sportler, die Geschichte geschrieben haben. Wer mehr wissen will: Die virtuelle Hall of Fame des deutschen Sports wurde im Mai 2008 eröffnet:

Von Peter Hintereder

www.hall-of-fame-sport.de

Franz Beckenbauer - Fußball-Kaiser

Vermutlich ist er der bekannteste lebende Deutsche. Wer ihn „googelt“, darf mit siebenstelligen Trefferquoten rechnen. Franz Beckenbauer ist eine Institution, auch im Internet. Davor steht eine Karriere der exorbitanten Art. Aus der Position des Ausnahmefußballers in die Sphäre der Spitzentrainer und weiter in die komplexe Welt der internationalen Sportpolitik. Franz Beckenbauer, geboren am 11. September 1945 in München-Giesing, Sohn kleiner Leute, Fußball-Wunderkind im Wirtschaftswunderland, 103 Länderspiele, 424 Bundesligaeinsätze und der Einfachheit halber meistens nur „der Kaiser“ genannt, ist so etwas wie ein Glücksfall für Deutschland. Die Lichtgestalt. Sein Name fällt in einem Atemzug mit Pelé. Er lässt Fußball und Zeitgeschichte eins werden und inszeniert unvergessliche Augenblicke. Wie er im 16-Jahres-Rhythmus das Land in kollektive Glückszustände versetzt, lässig-genial wie seine zentimetergenauen Pässe über das halbe Spielfeld. Momente für die Ewigkeit. Er ist Kapitän und „Kopf“ der Weltmeisterelf von 1974, Teamchef der Weltmeister-mannschaft von 1990 und – wiederum 16 Jahre später – Präsident des Organisationskomitees der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Die sonnendurchflutete, fanmeilenselige, unwiederholbare mehrwöchige Aufführung des „Sommermärchens“ in 64 Aufzügen unter seiner omnipräsenten Regie gerät zum weltweit bestaunten Meisterstück im monumentalen Werk des „Kaisers“. Franz Beckenbauer, Präsident des FC Bayern München, Hobby-Golfer mit Ambition (Handicap 7), Weltmann und Vorsitzender der wohltätigen Franz-Beckenbauer-Stiftung, lebt in Kitzbühel (Österreich).

Boris Becker - Tennis-Idol

Ihn treibt die Leidenschaft. Er trägt sein Nervenkostüm offen. Kein anderer lässt tiefer in die Abgründe der Psycho-Achterbahn Spitzensport blicken. Niederlage und Sieg, Triumph und Tränen – der Tennisplatz ein einziges Schlachtfeld der Gefühle und jedes Match ein Thriller. Seine Auftritte sind spannender als jeder Sonntagskrimi. Ein junger Wilder. Er raubt dem deutschen Tennis die distinguierte Unschuld. Gepflegtes Grundlinienspiel und Geschnippel am Netz? Nicht mit ihm. Er setzt auf Angriff, „Serve and volley“ bedingungslos; wird der Arm zu kurz, fliegt er dem Ball im Hechtsprung hinterher. Die geballte Faust begleitet den Big Point, misslingt ein Schlag, geht der Schläger in Fetzen. Siebenmal steht Boris Becker im Finale von Wimbledon, dreimal darf er trium-phieren, niemals aber wird es wieder so sein wie an jenem 7. Juli 1985, als er, gerade 17-jährig, auf dem „heiligen Rasen“ die Arme beschwörend gen Himmel streckt. „Augenblick, verweile doch ...“. Er entfacht einen Tennis-Boom und wird gefeiert wie ein Rockstar. Der rothaarige Junge aus der badischen Provinz dreht das ganz große Rad. Auch im wahren Leben mixt er Gefühl mit Dramatik pur. Boris Becker Superstar. Paparazzi und Dauerrummel, ein Leben auf der Überholspur. 1999 sagt er dem Profisport adieu. Boris Becker, ein Sportheld für immer.

Birgit Fischer - Kanu-Champion

Sie liebt diese Stille. Die Poesie der Landschaft. Das sanfte Dahingleiten auf dem Wasser. Am liebsten frühmorgens, wenn noch Nebel über dem Beetzsee liegt. Die Seenlandschaft Brandenburgs ist ihr Revier. Seit sie mit sechs Jahren zum ersten Mal im Rennkajak sitzt. Zehntausende Kilometer ist sie hier gefahren, trainierte bis zur Erschöpfung. Dann raus in die Welt. Die Welt des Lärms, die Welt der Scheinwerfer, die Welt der Weltbesten. Olympische Spiele: Moskau 1980, Seoul 1988 – damals, vor dem Fall der Mauer, noch für die Mannschaft der Deutschen Demokratischen Republik – Barcelona 1992, Atlanta 1996, Sydney 2000, Athen 2004. Zurück kehrt sie wie eine Jägerin mit ihrer Beute. Achtmal steht sie bei Olympia auf dem Treppchen ganz oben. Eine Frau im Olymp. Bei den fröhlichen Spielen in „Down under“ trägt sie die deutsche Fahne. 27-mal wird Birgit Fischer Weltmeisterin. Als erfolgreichste Athletin der Sportgeschichte in einer olympischen Sportart hält sie Einzug im Guinnessbuch der Rekorde. Sie spielt öffentlich noch einmal mit dem Gedanken an Peking 2008; doch dann kommt entschieden ein „Nein“. Unwiderruflich. Birgit Fischer, Jahrgang 1962, will paddeln nur noch aus Passion. Auf ihren maritimen Exkursionen hat sie jetzt oft die Kamera dabei. Sie fotografiert – „Mein Brandenburg“. Romantisch, und oft im Frühnebel. Sie liebt dieses Land.

Bernhard Langer - Golf-Profi

Bernhard, wie bitte? Als die Meldung im April 1985 durch die Medien läuft, lernen die Deutschen drei Dinge. A: Es gibt einen Golfprofi namens Bernhard Langer. B: Ebenjener Bernhard Langer hat in Augusta/Georgia soeben das bedeutendste Golfturnier der Welt gewonnen: Und C: Golf ist tatsächlich ein Sport und keinesfalls, wie bislang zu vermuten stand, ein Zeitvertreib für anglophil angehauchte Snobs fortgeschrittenen Alters. Doch wer ist dieser Bernhard Langer? Als er auf dem Heiligtum in Grün der amerikanischen Profi-Golfer die US-Masters gewinnt, ist er knapp 28 Jahre alt. Er stammt aus Anhausen bei Augsburg, der Vater war Maurer. Ein Jahr später hört man wieder von ihm. Da ist er die Nummer eins der Weltrangliste. 1993 siegt er in Augusta ein zweites Mal. Aber wer ist Bernhard Langer? Er gilt als ehrgeizig, hochbegabt und penibel. Er scheut den Medienrummel. Ihm fehlt das überzogene Ego. In der „Fremde“ wird er zum Star, in Deutschland bleibt er vielen fremd. Und wird dennoch Vorreiter eines neuen Boomsports und zum Vorbild von mehr als 550000 Golfern, die mittlerweile Hölzer und Eisen schwingen. Für seine Verdienste um den Golfsport ernennt ihn Königin Elisabeth II. 2006 zum Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire. Viel Ehre für den stillen Star. Chapeau.

Bild vergrößern Bundespräsident Scheel: Silbernes Lorbeerblatt für Skifahrerin Mittermaier (14.10.1976) (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung )

Rosi Mittermaier - Ski-Artistin

Sie ist ein Sportjunkie. Ein Bewegungsmensch. Immer auf Trab, immer unterwegs, am liebsten in den bayerischen Bergen, denn hier ist sie aufgewachsen, hier lebt sie noch heute. Rosi Mittermaier, die Immersportliche. Die „Gold-Rosi“. Burschikos, charmant, mit einem schönen bajuwarischen Zungenschlag. Wenn sie spricht, sieht man unverbaute Landschaften vor sich und glücklich grasende Kühe vor alpinen Sonnenuntergängen. 1976 ist ihr Jahr. Im Worldcup gewinnt sie Slalom und Kombination, bei den Weltmeisterschaften holt sie drei Titel. Die Krönung hebt sie sich für die Olympischen Spiele in Innsbruck auf. Gold in der Abfahrt, Gold im Slalom, Silber im Riesenslalom. Mit dieser Triumph-Serie wird Rosi Mittermaier aus Reit im Winkl zur erfolg-reichsten Skiläuferin weltweit. Sie fährt die Saison noch zu Ende – dann ist Schluss. Über die Heilkraft des Sports hat sie kürzlich ein Buch geschrieben. Sie hat eine Mission. Sie will Couchpotatoes aufrütteln und herzinfarktgefährdete Großstadtmenschen auf Trab bringen; am liebsten sähe sie alle mit Nordic-Walking-Stöcken durch die Landschaft sausen. Bewegung und Sport, das ist im Weltbild der Rosi Mittermaier, Jahrgang 1950, identisch mit Gesundheit und Lebensfreude. Sie konserviert das Ländliche, sie liebt das Einfache. Sie lebt konservative Werte.

Michael Groß - Schwimm-Ikone

Man sieht ihn häufig auf Kongressen. Er ist auch nicht zu übersehen: Dr. phil. Michael Groß, geboren 1964, 2,01 Meter groß, Geschäftsführender Gesellschafter einer Beratungsgesellschaft für Unternehmens-kommunikation in Frankfurt am Main. An der „Frankfurt School of Finance & Management“ unterrichtet er Personalführung und Unternehmenskultur. „Change Management“und das „Unternehmen als Marke“ sind Themen, die ihn umtreiben; über Mitarbeitermotivation und „Wege zum Erfolg“ kann er abendfüllend eloquent referieren. Gern bemüht er dann Beispiele aus seinem „früheren“ Leben. Denn Dr. phil. Michael Groß ist der „Albatros“. Dreifacher Olympiasieger, fünffacher Weltmeister, 13-facher Europameister, 26-facher deutscher Meister, zwölfmaliger Weltrekordhalter. Der beste Schwimmer, den die Bundesrepublik je hatte. 2,13 Meter Arm-Spannweite – der Überflieger im Freistil und Schmetterling. Noch heute hält er den deutschen Rekord über 200 Meter Schmetterling (1:56,24 Minuten), obwohl der Tag, an dem er diese Zeit vorlegte, schon 22 Jahre zurückliegt. Neue Wege gehen, experimentieren, unkonventionell denken. Darin bleiben sich der „Albatros“ und Dr. phil. Michael Groß treu. Das verbindet seine „zwei“ Leben wie die beiden Seiten einer Medaille. „Jeden Tag ein Olympiasieg – der Weg zum Erfolg“ heißt auch einer seiner Vorträge.

Steffi Graf - Tennis-Wunder

Womit beginnen? Mit einem Auszug aus der Bilanz ihrer Grand-Slam-Siege? Wimbledon etwa? 1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996. Die French Open? 1987, 1988, 1993, 1995, 1996, 1999. Soll man die Weltrangliste bemühen? 377 Wochen – so lange wie keine andere – steht sie dort auf Platz eins; zum erstenmal am 17. August 1987. Da ist sie 18 Jahre alt, ein schüchternes Mädchen aus der deutschen Provinz mit rotblonden Haaren. Auf Pressekonferenzen wirkt sie unsicher; will meistens nur sagen, dass sie „gutes Tennis“ spielen möchte. Mehr nicht. Ihr „gutes Tennis“ hat mit dem Spiel der anderen allerdings vergleichs-weise wenig zu tun. Sie ist ein Wunderkind des weißen Sports, sie spielt „außerirdisch“. Ihre Vorhand ist unschlagbar. 1988 siegt sie bei allen vier Grand-Slam-Turnieren. In den frühen 1990er-Jahren spielt sie zeitweise so überlegen, dass es fast langweilig wird. Sie bricht – nach einem Steuerskandal – öffentlich mit ihrem dominanten, überehr-geizigen Vater. Eine andere Steffi Graf kommt allmählich zum Vorschein. Stefanie Graf.1998 gründet sie die Stiftung „Children for Tomorrow“, die notleidende Kinder in der Dritten Welt unterstützt; 2001 heiratet sie den US-Tennisstar Andre Agassi und zieht nach Las Vegas. Bis heute wird sie regelmäßig zur beliebtesten Prominenten Deutschlands gewählt. Ihr Deutsch klingt jetzt sehr „amerikanisch“.

Michael Schumacher - Rennfahrer-Legende

Das Phänomen Schumacher: 250 Grand Prixs, 91 Grand-Prix-Siege, 154 Podiums-plätze, 68 Pole-Positions, 1369 gewonnene WM-Punkte, siebenmal Weltmeister der Formel 1 – der erfolgreichste Pilot in der Geschichte des Motorsports, der Jahrtausend-Weltmeister. Das Phänomen Schumacher: Es beginnt im Kindesalter auf einer Kartbahn in der Nähe von Köln. Der Junge hat Talent. Am 25. August 1991 aucht „Schumi“, 21-jährig, im Formel-1-Zirkus auf. Hockenheim, Monza, Silverstone ... Eineinhalb Jahrzehnte lang regiert er fortan die Königsklasse des Motorsports. Glanzvolle Zeiten. In den Boliden der Scuderia Ferrari, für die er seit 1996 ins Cockpit steigt, wird er zur Ikone. Er definiert den Beruf des Rennfahrers neu. In seiner Welt ist kein Platz für playboyhaftes Draufgängertum. Präzision und Perfektion statt postjuveniler Verantwortungslosigkeit. Ihn treibt Ehrgeiz bis zum Limit, Kondition wie ein Marathonmann, fahrerisches Können, Technikwissen – und Familie als Gegenpol. Ein Mensch, der in Grenzbereichen lebt. Mitunter wirkt er darin sehr gefangen. Hin und wieder legt er eine andere Seite seiner Persönlichkeit frei. Als der Tsunami über Asien fegt, spendet er spontan zehn Millionen Dollar. Als seine Mutter stirbt, fährt er mit Trauerflor, siegt grandios – und weint. Das Phänomen Schumacher: Neuerdings ist er aufs Motorrad umgestiegen. Spaßeshalber. Die Geschwindigkeit lässt ihn nicht los.

Katarina Witt - Eiskunstlauf-Königin

Wenn sie lacht, schmilzt das Eis. Sie ist die erfolgreichste Eiskunstläuferin ihrer Zeit. In Calgary gewinnt sie 1988 strahlend zum zweiten Mal Gold. Ihre verführerische Paraderolle, die „Carmen“, kommt wie ein Sommergewitter über die brave Welt des Eiskunstlaufs. Flamenco on ice. Sie betont die mittlere Silbe ihres Sports. Ihre Kür verheißt Eleganz und Illusion. Sie kann bei höchster Geschwindigkeit um die eigene Achse rotieren und dabei sinnlich lächeln. Alles ist für diesen Moment aufeinander abgestimmt: Make-up, Mimik, Musik, Frisur, Cheoreografie. Ihr tiefrotes Kostüm verwirrt die Männerwelt – im vierten Akt wird Carmen sterben. Sie tanzt auf dünnem Eis. Das „schönste Gesicht des Sozialismus“ nennt „Time-Magazine“ Kati Witt. Sie ist der Superstar der DDR, aufsteigender Sportkomet im untergehenden Arbeiter-und-Bauern-Staat. Als im Herbst 1989 die Mauer fällt, beginnt für sie die schwerste Lebensphase: die Vergangenheit lastet auf ihr. Doch Kati tanzt sich in die neue Zeit. Lachend. Sie erobert Herzen im Sturm; inszeniert Eisrevuen in Amerika, schließt Verträge mit Coca-Cola. Weltstar Kati Witt. Als sie 1998 für den „Playboy“ posiert, ist die Auflage binnen Stunden weltweit ausverkauft. Das gab es vorher nur einmal – mit Marilyn Monroe. Am 4. März 2008 ist Kati Witt, der Medienliebling, ihre letzte Show gelaufen. Mit 42 Jahren sagt sie dem Eis Adieu. Sie sagt es lachend. Wie sonst.

Henry Maske - Gentleman-Boxer

Der Mann hat Zeit. Er bleibt auf Distanz. Der Parasympathikus setzt das Adrenalin in seinem Körper schachmatt. Er ist Rationalist. Im Ring agiert er wie ein Ingenieur. Alles folgt einem strategischen Plan. Irgendwann werden die dosierten Nadelstiche ihre Wirkung zeigen. Er besiegt die Gegner filigran. Am 20. März 1993 trägt Henry Maske aus Treuen-brietzen im weiten Brandenburg den Gürtel des IBF-Weltmeisters im Halbschwergewicht. Ein Champion der neuen Art: höflich, kultiviert, tolles Aussehen. Ein Gentlemen – im Ring wie außerhalb. Im wiedervereinten Deutschland ist er der erste „gesamtdeutsche“ Sportstar, Idol in Ost und West. Der „Gentleman“ holt den Boxsport aus der Schmuddelecke und macht ihn salonfähig. Zehnmal wird er den Titel verteidigen; vor den Fernsehapparaten fiebern 18 Millionen mit, wenn Sir Henry die Boxhandschuhe anlegt. Am 23. November 1996 ist Ultimo. Henry Maske verliert den letzten Kampf seiner Karriere gegen Virgil Hill. „Time to say goodbye“. Deutschland weint. Henry Maske findet neue Herausforderungen. Er engagiert sich mit seiner Henry-Maske-Stiftung für straffällig gewordene Jugendliche. Aber der 23. November 1996 lässt ihn nicht los. 3748 Tage später klettert er noch einmal in den Ring. Mit 43 Jahren. Er will die Revanche. Er schlägt Virgil Hill, den Weltmeister. Der „Gentleman“ hat seinen Seelenfrieden wieder. Der Mann hat Zeit.